Kindheit in der "Schusslinie" - Ein Interview mit Christina Brandl-Bommer

Als Theologie-Studentin kam Christina Brandl-Bommer (57) das erste Mal nach Brasilien – und seitdem hat das Schicksal der Straßenkinder dort die Freisingerin nicht mehr losgelassen. Zusammen mit weiteren Aktiven hat sie den Verein „Arche Nova“ gegründet, der seit 2010 als Freundeskreis weitergeführt wird. Seit 1989 unterstützen sie verschiedene Sozialprojekte in Brasilien – darunter die Arbeit des Straßenkinderprojekts „CAMM“ in Recife. Brandl-Bommer, die in Neufahrn als Pastoralreferentin tätig ist, erzählt in einem Gespräch, warum die Fußball-WM den Menschen in den Favelas eher Nachteile bringt, dass Straßenkinder von vielen besser situierten Mitmenschen schlicht als Müll angesehen werden, und wie „CAMM“ versucht, den Mädchen und Jungen zu helfen, dieser Armuts-Spirale zu entkommen.


Frau Brandl-Bommer, wie wurden sie auf das Straßenkinderprojekt „CAMM“ aufmerksam?

Für mich als Theologiestudentin war Südamerika damals sehr verlockend. Dort habe ich viele Impulse für meine Arbeit bekommen. Mit anderen Theologen war ich 1987 in Brasilien. Wir haben verschiedene soziale Projekte besucht - unter anderem „CAMM“ in Recife. Danach hatten wir zunächst noch zu vielen Projekten Kontakt, doch viele gibt es mittlerweile nicht mehr: Praktisch ohne Urlaub 30 Jahre lang immer für die Ärmsten der Armen da zu sein – das ist nicht leicht, das muss man erst mal durchhalten! Und dem Ehepaar Roberta und Ademilson, das „CAMM“ gegründet hatte, ist das gelungen. 1989 habe ich mit einigen Freunden „Arche Nova“ gegründet. Alle zwei bis drei Jahre fuhr jemand von uns nach Brasilien. 1996 habe ich mich dann ein paar Jahre etwas zurückgenommen, da wir in dem Jahr zwei Kinder adoptiert haben, aber seit 2006, als dann Domitila, die Tochter von Ademilson und Roberta,  nach Deutschland kam, bin ich wieder aktiv dabei. Die Arbeitslosigkeit in Brasilien ist sehr hoch. Nachdem Domitila in Brasilien ihren Abschluss in Sozialpädagogik gemacht hatte, ist sie mit einem Stipendium für den Master nach Berlin gekommen. Sie unterstützt das Projekt sozusagen als Botschafterin und schickt auch immer etwas von ihrem kleinen Gehalt nach Hause.

 Für was steht „CAMM“ eigentlich?

„CAMM“ ist ein Projekt für Straßenkinder in Linha do Tiro, übersetzt: Schusslinie, einem Stadtteil von Recife in Brasilien. Es existiert seit 30 Jahren. „CAMM“ steht für „Centro de Atendimento de Menhinas e Menhinos da Rua“. Das könnte man mit „Fürsorge-Zentrum für Straßenmädchen und Straßenjungen“ übersetzen. Außerdem bedeutet „CAMMinhando“ sich auf den Weg machen. Das Wortspiel zeigt schon, dass man sich auf den Weg in eine bessere Zukunft machen möchte.

Erzählen Sie uns mehr über Straßenkinder?


Sie sind das schwächste Glied der Gesellschaft, weniger als die Hälfte von ihnen wird 18 Jahre alt - etwa 30 % sterben vorher an Krankheiten oder Unfällen, weitere 30 % sterben durch Gewalt. Die Kinder verlassen ihre Familien, weil oft die Lebensumstände dort schlicht unerträglich sind. Doch das Leben auf der Straße ist ebenfalls hart: Oft leiden sie unter sexueller Gewalt oder werden von Drogenkartellen als Dealer angeworben und später unter Druck gesetzt – ihr ganzes Leben, vom Schlafen bis zum Essen, spielt sich auf der Straße ab. Viele schließen sich zu Banden zusammen. Um Hunger, Schmerzen und ihr Schicksal vergessen zu können, greifen auch viele zu der billigen Droge Schusterleim – und schnüffeln das. Das wiederum schadet ihrer Gesundheit... Manche haben zwar ein Zuhause, doch tagsüber sind sie dann ganz auf sich gestellt – weil beispielsweise die alleinerziehende Mutter zur Arbeit muss.

Hatten Roberta und Ademilson geplant, ein Hilfsprojekt zu starten?

Roberta und Ademilson kommen selbst aus dem Viertel. Bevor sie das Projekt gründeten, waren sie auch schon in der kirchlichen Jugendarbeit aktiv. Ademilson studierte damals Mathe und Physik und war nebenher an der Akademie von Dom Helder Camara, dem bekannten Erzbischof und Befreiungstheologen, aktiv. Roberta wurde Grundschullehrerin. Aber das Projekt hat sie quasi überrollt. Jetzt ist es ihr Hauptberuf.
 
Wieso „überrollt“?

Angefangen hat alles mit drei Kindern, die 1984 immer wieder zum Betteln kamen. Roberta, die ja studierte und Grundschullehrerin werden wollte, sagte „Wollt ihr heute Abend nicht wieder kommen? Ich bringe euch Lesen und Schreiben bei!“ Und irgendwann kamen immer mehr Kinder. Die beiden sagten sich dann: Entweder wir machen das richtig oder gar nicht. Noch während des Studiums gründeten sie „CAMM“, 1987 konnten sie eine Vorschule einrichten. Dank einer Schweizer Unterstützerin  bekamen sie ein 5000 qm großes Grundstück in Linha do Tiro geschenkt. Dort hatten die Kinder und Jugendlichen die Möglichkeit, etwa Schneidern, Schreinerei oder Gärtnern zu lernen. Dies besteht bis heute. Eine Farm für Straßenkinder in Risikosituationen (einige wurden mit dem Tod bedroht bzw. standen in Kontakt mit organisiertem Verbrechen) mussten sie aus Kostengründen und Gefahr für ihr eigenes Leben wieder schließen.
Mittlerweile werden 120 -150 Kinder direkt betreut, 30 Kinder kommen ein bis drei Mal die Woche für spezielle Projekte.

Wie hilft „CAMM“ den Straßenkindern?

„CAMM“ ist mittlerweile ein Zufluchtsort bei allen Arten von Problemen, man könnte sagen, ein Sozialzentrum für alles. Viele Kinder in der Favela arbeiten beispielsweise auf Müllbergen. Dort holen sie Wertstoffe, die sie verkaufen. Natürlich ziehen sie sich dabei oft Schnitte und Verletzungen zu. Auch hier springt das Ehepaar ein und hilft, die Wunden zu versorgen. Manchmal muss auch schnell eine größere Summe für einen Krankenhausaufenthalt ausgegeben werden. Oder die Mutter eines Kindes wurde vom neuen Lebensgefährten krankenhausreif geschlagen. Da brauchen die Kinder  Trost und einen Zufluchtsort. Gewalt ist in Linha do Tiro allgegenwärtig.
Im Mittelpunkt des Projekts steht, wie gesagt, die Bildung. Das erste, was Roberta und Ademilson machen müssen, wenn ein Kind zu ihnen kommt, ist, ihm eine Geburtsurkunde zu beschaffen. Ohne diese existieren diese Kinder offiziell ja nicht und können auch nicht in die Schule gehen.
Und was auch sehr wichtig ist: Bei „CAMM“ können die Kinder für eine Weile einfach Kinder sein. Im Stadtteil Linha do Tiro leben etwa 100 000 Menschen. Und dort steht Hütte an Hütte, man findet keinen einzigen Spielplatz, keinen Fußballplatz, nichts für Kinder. Das gibt es nur bei „CAMM“. Außerdem bekommen die Kinder zwei warme Mahlzeiten am Tag und haben einen Ort, wo sie in Ruhe Hausaufgaben machen können – die öffentlichen Schulen sind unglaublich überfüllt, und nach Hause können sie meist auch nicht: Die Hütten sind klein, oft sind die alleinerziehenden Mütter bei der Arbeit und es ist niemand da, der sich um die Kleinen kümmert. Oder sie flüchten freiwillig vor der häuslichen Gewalt.

Wie wirken sich die WM-Vorbereitungen auf die Kinder und die Favelas aus?

Schlimm! Um die Städte vor der WM zu „säubern“ gehen immer wieder Polizisten in die Favelas – und in der Regel kommt es dann zu Schießereien. Es ist nämlich nicht vorgesehen, die Leute in den Favelas umzusiedeln – sie werden einfach vertrieben. Und Straßenkinder, die in Zeitungen und Decken gehüllt, am Straßenrand liegen, werden von den Polizisten als Müll betrachtet – und oft auch so behandelt. Es ist auch schon vorgekommen, dass diese Kinder einfach erschossen und dann weggeräumt wurden – wie Müll! Als das passierte, ging ein Aufschrei durch Brasilien, aber viel besser ist es nicht geworden. Was die Leute hier auch ärgert, ist, dass so viel Geld für die Fußballstadien für die WM locker gemacht werden konnte – aber kein bisschen für  den einen oder anderen einfachen Fußballplatz in ärmeren Vierteln!

Was konnte durch Spendengelder schon alles geschaffen / ermöglicht werden?

Spenden gehen beispielsweise in den Erhalt der Räumlichkeiten, der Bibliothek, oder werden für alltägliche Einkäufe wie Stifte oder Papier für die Schule dringend gebraucht. Auch ein Wassertank konnte mittlerweile angeschafft werden, damit die Kinder eine Möglichkeit haben zu duschen. 2010 waren die Räume nach einem Erdrutsch komplett überschwemmt und verwüstet und mussten erst wieder aufgebaut werden. Wichtig für das Weiterbestehen von „CAMM“ ist auch der starke Rückhalt, den das Projekt in der Bevölkerung hat: In Brasilien sind alle Fenster vergittert. Das kann man sich hier gar nicht vorstellen, aber dort ist es nötig. Aber der Spielplatz in CAMM ist sogar am Wochenende offen. Das Projekt genießt so hohes Ansehen, dass niemand etwas klauen würde und außerdem die Nachbarn aufpassen. Alle wissen: „Wir würden uns selbst bestehlen.“

Straßenkinder werden groß und bekommen eines Tages selber Kinder – die wieder Straßenkinder werden. Gibt es eine Chance, diesem Kreislauf zu entgehen?


Es ist sehr wichtig, dass  die Kinder die Schule abschließen und eine Arbeit finden – so können sie der Spirale entgehen. Und es gibt einige sehr positive Vorbilder: Elise-Angela, die selbst als Straßenkind zu Roberta und Ademilson gekommen war, machte Abitur, studierte Pädagogik und leitet mittlerweile den Kindergarten bei „CAMM“. Einige der jungen Männer haben als LKW-Fahrer oder Informatiker Arbeit gefunden. Solche Vorbilder sind unglaublich wichtig: Sie zeigen den Kindern: „Du kannst es auch schaffen!“ Übrigens ist Papst Franziskus, der selbst aus Lateinamerika stammt und die Armut zu seinem Thema gemacht hat, für viele bei „CAMM“ heute ein wichtiger Hoffnungsträger.

Wie läuft die Arbeit des Freundeskreises ab?

Wir sind derzeit vier Aktive: Drei in Bayern, eine in Südtirol. Wir verschicken einmal jährlich unseren Newsletter „CAMM-inhando“ an Freunde und Förderer, organisieren Benefiz- und Informations-Veranstaltungen und halten immer engen Kontakt mit „CAMM“.  E-Mail hat da einiges erleichtert (lacht). Manchmal, wenn Domitila Zeit hat, reist sie zu Veranstaltungen aus Berlin an. Sie ist in der Favela aufgewachsen, sie kann Informationen aus erster Hand liefern. Alle Finanzangelegenheiten erledigen die Jesuiten in Nürnberg für uns, kostenlos. Das ist eine enorme Entlastung! Man zahlt sonst sehr viel Gebühren für Überweisungen nach Südamerika!

Von wem wird „CAMM“ sonst noch unterstützt?

Ademilson und Roberta sind immer bemüht, öffentliche Gelder zu akquirieren. Sie haben, anders als andere Hilfsprojekte, nicht etwa einen Orden hinter sich, der sie unterstützen könnte. Von der Kommune bekommen sie zwar keine finanzielle Unterstützung, aber Essensspenden – so ähnlich wie bei uns die „Tafel“. Aber manchmal ist da eben z.B. kein Brot dabei. Und wenn dann gerade auch kein Geld da ist, Brot zu kaufen, greift man bei „CAMM“ zu den Notfallkeksen, die für solche Fälle auf Vorrat angeschafft wurden.
Neben uns unterstützen auch die Neufahrner  Schulen und die  Neufahrner Pfarrei St. Franziskus, Misereror, das Eine-Welt-Haus Bielefeld und Südtiroler Gruppen das Projekt. Dieses Jahr gehen außerdem alle Spenden, die der Weltladen Freising bzw. sein Trägerverein „Partnerschaft Eine Welt Freising“ erhält, direkt an „CAMM“. So viele Kinder brauchen viele Unterstützerinnen und Unterstützer!