Die Schattenseite der WM 2014 - Vortrag von Domitila Barros

Keine Klinik, keine Schule, der Müll wird nie geholt, pro Wochenende werden hier rund 20 Menschen, oft Kinder, ermordet: Das sind die Zustände in der Favela  Linha do Tiro („Schusslinie“) im brasiliansichen Recife. Domitila Barros (29) wuchs in diesem Umfeld auf, da ihre Eltern seit 30 Jahren das Straßenkinderprojekt „CAMM“ dort leiten. Für einen Vortrag, der das wahre Gesicht Brasiliens unter der WM-Maske zeigte, hatte der  Weltladen-Trägerverein „Partnerschaft Eine Welt Freising“ und der Freundeskreis „Arche Nova“ die studierte Sozialpädagogin und Wahl-Berlinerin am Dienstag, 13. Mai 2014 nach Freising ins JUZ eingeladen. In ihrem Bericht ordnete sie gekonnt die Lage ihrer Heimat-Favela in die Gesamtsituation der 200-Millionen-Nation Brasilien ein.


Todesschawadronen säubern die Favelas

Seit acht Jahren lebt Domitila Barros (29) nun in Deutschland. Jetzt, erst allmählich, realisiere sie, dass es nicht normal ist, dass Todesschwadronen durch die Viertel der Armen ziehen und dort Kinder wie Erwachsene aus den nichtigsten Gründen töten. In ihrer Heimat, dem Stadtviertel Linha do Tiro („Schusslinie“) im brasiliansichen Recife, gehöre das zum Alltag, jedes Kind wachse mit dieser Realität auf: „Pro Wochenende werden hier circa 20 Leute erschossen.“ Und nein, es handle sich beileibe nicht nur um Konflikte unter Drogendealern, wie viele, auch in Brasilien, glauben. Polizei und Todesschwadronen zögen besonders jetzt, vor Beginn der WM, durch die Favelas, um diese zu „säubern“, damit alles für den Blick der Weltöffentlichkeit schön und sauber sei. Von staatlicher Seite würden sie geduldet. Eine andere Favela, erzählt sie, sollte ganz geräumt werden, um Parkplätze für WM-Besucher bauen zu können. Um die Bewohner, die natürlich Widerstand leisteten, endlich vertreiben zu können, seien in dem Viertel sogar Bomben eingesetzt worden.

Die neue Wirtschaftsmacht kann nicht lesen

„Ich kenne ein ganz anderes Brasilien, als das, das in den Medien dargestellt wird“, sagt Domitila Barros. Dort seien vor allem Lobgesänge auf den wirtschaftlichen Fortschritt nachzulesen, bei Fleisch- und Soja-Exporten nehme Brasilien mittlerweile Spitzenplätze ein. Das aufstrebende Land würde hohe Summen in Bildung und Gesundheitswesen investieren. Dennoch, so Barros, nehme es einen traurigen Platz 8 beim weltweiten Unesco-Analphabeten-Ranking ein. Die Unterschiede zwischen Armen und Reichen seien unglaublich riesig, erzählt die 29-Jährige.

Nahe den Favelas entstünden riesige Shopping-Center, da der Grund dort günstig zu haben sei. Doch gleichzeitig würden hohe Mauern gebaut, die die Konsumtempel umgeben: Zum einen, um die unmittelbaren Nachbarn fernzuhalten, zum anderen um den Kunden den Anblick der Favela zu ersparen. Am Eingang lasse man ärmlich wirkende Menschen erst gar nicht herein. Doch natürlich würden die Bewohner der Favela so ein Shopping Center gerne mal von innen sehen.
Alleine trauen sich die armen Jugendlichen aber nicht in die schönen neuen Gebäude, wo Gewalt und Rassismus sie erwarten. Stattdessen verabreden sie sich, um gemeinsam hinzugehen. Ergebnis: „Rund 5000 Jugendliche stürmen dann gemeinsam in ein Shopping-Center“, erzählt Barros. Die Medien berichten danach von Aufruhr und Revolte. Nur eine einzige Zeitung habe mit den Jugendlichen direkt gesprochen und erfuhr von ihnen: „Revolte?? Nein, wir wollten uns nur einfach mal umsehen und vielleicht ein Eis essen.“

Brasilianer gehen gegen die WM auf die Straße

In der "Schusslinie"Was immer mehr Brasilianer aber auf die Straße treibt, seien die horrenden Ausgaben für die WM und die gleichzeitige Armut der Bevölkerung: In der einzigen Klinik in der 2,5-Millionen-Stadt Recife würden Babys nach der Geburt nicht im Bettchen zu ihren Müttern gebracht, sie würden ihnen in Schuhkartons übergeben. Für alles andere fehle das Geld. Für WM-Stadien und WM-Projekte sei aber komischerweise immer genügend Geld vorhanden. Erst kürzlich hätten Demonstranten 200 Busse in Flammen gesteckt, die nur WM-Gäste hätten transportieren sollen. Für Busse, die den Brasilianern zugute kämen, würde aber so gut wie kein Geld ausgegeben.
Wer sich in Brasilien zu Mittelschicht zählt, könne sich aber nicht immer eine Waschmaschine leisten und er oder sie könne auch nicht zwingend mehr schreiben als seinen Namen.

Wer den Gewinn mit der WM macht, scheint auch klar: Nur drei Firmen bauen derzeit alles für das Großereignis, berichtet Barros. Wie Sklaven werden die Arbeiter dort behandelt, nicht wenige kommen auf den Baustellen ums Leben.
Es gebe erhebliche Bemühungen von staatlicher Seite, damit derartige Bilder und Berichte nicht an die (Welt-)Öffentlichkeit kämen, erzählt die junge Frau.


30 Jahre „CAMM“

Die Eltern von Domitila Barros arbeiten seit 30 Jahren dafür, damit Straßenkinder eine Chance haben, die Spirale aus Armut und Gewalt zu verlassen: Das Straßenkinderprojekt „CAMM“ habe mittlerweile 8 festangestellt Mitarbeiter, erzählt sie. Darunter auch eine Psychologin, die sich um die häufig traumatisierten Kinder kümmert. Im Laufe dieser drei Jahrzehnte hätte rund 5000 Kinder bei CAMM geholfen werden können. Domitila Barros nennt sie alle „ihre Familie“. Für all die Straßenkinder ist sie nun als Botschafterin und Sprachrohr in Deutschland unterwegs – neben ihrem Beruf.
Rund 85 Prozent der Mädchen und Jungen, schaffen nach ihrer Zeit bei "CAMM" einen Berufseinstieg. Gäbe es „CAMM“ nicht – mit Kinderkrippe, Vorschule, ärztlicher Versorgung und einfach einer kindgerechten Freizeit – hätten laut Barros viele nur eine einzige berufliche Perspektive: Drogen-Dealer.

Während die ganze Welt der WM im "Fußball-Land Brasilien" entgegenfiebert sagt Domitila Barros: „Es ist schwierig für uns, uns auf diese Veranstaltung zu freuen!“